Attila Corbaci – Zwischen Kunst, Kulinarik und Familie

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Auf das Corbaci im Architekturzentrum des Wiener Museumsquartiers (MQ) bin ich eigentlich durch die berühmten Fliesen aufmerksam geworden. Nachdem ich mich, wie meine Leser wissen, immer wieder intensiv mit der persischen Kultur auseinandersetze, sehe ich mir als Entspannung gerne Fotos von Kunst und Architektur im Iran an. Da gibt es wunderschöne Arbeiten, zum Beispiel im Bereich der Keramik, in Blau und Türkis, die für mich inspirierende Ornamente enthalten. Als ich im Vorfeld des Treffens mit lieben Schulfreundinnen das “Corbaci” googelte, wurde ich auf die Fliesen in diesem Lokal aufmerksam. Sie stammen von der türkischen Künstlerin Asiye Kolbai-Kafalier. Die Gesamtarchitektur geht auf das französische Duo Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal zurück. Nach meinem Besuch im Corbaci, wo ich Hühnchen in Zitronensauce mit Granatapfel-Cous-Cous genossen hatte, muss ich das Lokal wohl auf Facebook gelikt haben, denn der Chef, Attila Corbaci, schrieb mir eine Freundschaftsanfrage, über die ich mich sehr freute, hatte ich mich doch, neugierig, wie ich von Natur aus bin, intensiv mit der Geschichte des Lokals und der Persönlichkeit Corbaci beschäftigt. So lag es schließlich nahe, Attila Corbaci um ein Interview für Steppe und Stadt zu bitten – und er willigte sehr schnell und herzlich ein! 

Wir trafen uns schließlich während meines Urlaubs an einem sonnigen Vormittag im Corbaci, wo ich bei einem köstlichen Café Latte begann, meine Fragen an den Künstler und Gastronomen zu stellen.

Attila Corbaci ist ein “typischer Wiener”, wenn man so will – Wien ist ein Schmelztiegel und viele Menschen kamen irgendwann, einst aus den Ländern der Monarchie, hierher, um Arbeit zu finden oder ein neues Leben zu beginnen. Und noch heute ist Wien, wie jede andere Metropole, das Ziel zahlreicher Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen hier eine neue Heimat finden. Das macht Wien sehr bunt und die Küche sehr vielfältig! 

Attila Corbacis Vater stammte aus Georgien, ging in jungen Jahren in die Türkei, wo er Klavier lernte, und kam 1952 nach Wien. Die Mutter des heutigen Gastronomen war Wienerin, ihre Familie stammte aus der deutschsprachigen Ukraine und ihr Vater war Parlamentarier zu Zeiten der Monarchie gewesen. Als Attila Corbacis Vater in Wien ein Untermietzimmer suchte, da war es ihm natürlich wichtig, als Pianist eines zu finden, das mit einem Flügel ausgestattet war – und Corbacis Großmutter mütterlicherseits war Klavierlehrerin. So fanden die Eltern zusammen und aus dieser Liebesbeziehung zweier wohl kunstsinniger Menschen ging auch der Künstler Attila Corbaci hervor.

Attila Corbaci selbst zog es in jungen Jahren nach Berlin. 

Ich bin nach Berlin gegangen, weil das damals mit Amsterdam die freieste Stadt Europas war, was sich auch bestätigt hat.

Der junge Mann, der in Wien begonnen hatte, Medizin und Kunstgeschichte zu studieren, traf in Berlin auf eine Welt, die sein Leben grundlegend verändern sollte:

Im Restaurant “Exil” des Wiener Philosophen und Schriftstellers Oswald Wiener (übrigens des Vaters der heute so berühmten Sarah Wiener!) lernte der junge Corbaci, was Qualität des Essens bedeutet – und er lernte eine Art “Savoir vivre” kennen, die ihm zuvor nicht in dieser Weise bekannt war. 

Die 1970er Jahre in Berlin waren eine spannende Zeit und im “Exil” verkehrten Berühmtheiten wie David Bowie oder Richard Burton. In Berlin lernte Attila Corbaci schließlich auch Kurt Kalb kennen, der ihn für die Zusammenarbeit im “Oswald & Kalb” nach Wien holte. In diesem legendären Lokal in der Wiener Bäckerstraße leistete man Pionierarbeit: Man holte frischen Mozarella aus Italien, damals noch eine Seltenheit in Österreich, und Frau Oswald brachte frische Produkte aus der Steiermark. Attila Corbaci stand vor der Entscheidung, sein Studium fertig zu machen oder Gastronom zu werden – er entschied sich für letzteres und bereute dies nie. 

1991 war die Zeit für ein neues Projekt gekommen und Attila Corbaci, der seit jeher die Wiener Kaffeehauskultur schätzte und liebte, übernahm das Café Engländer. Einige Jahre floß sein Herzblut in dieses Lokal, bis er Ende der 1990er Jahre in das Filmgeschäft wechselte und als Aufnahmeleiter tätig war. Film und Fotografie begleiten den Wiener bis zum heutigen Tag und ein Fotobuch mit Thomas Voburka war es auch, das ihn zu seinem aktuellen Gastronomieprojekt – dem Restaurant Corbaci im Wiener Museumsquartier  – brachte. Als er den Chef des Architekturzentrums um ein paar Zeilen für das Kunstbuch bat, fragte ihn dieser, ob er denn nicht Interesse habe, das ehemalige Restaurant “Una” im Architekturzentrum neu zu übernehmen. Wie so oft im Leben, entschied Corbaci aus dem Bauch heraus – und er tat gut daran. Zusammen mit Thomas Voburka, der sich in der elektronischen Musik einen Namen gemacht hatte, übernahm er das Lokal und machte es zu dem beliebten Treffpunkt, das es heute ist!

Im Corbaci setzt man auf Wiener Hausmannskost, auf das, was einem von zu Hause vertraut ist, geht auf die Nachfrage der Gäste ein und lässt ab und an eine Nuance orientalischer Geschmacksimpulse einfließen. 

Wichtig ist es Attila Corbaci vor allem auch, regionale, frische Produkte von hoher Qualität in seiner Küche zu verwenden. Seine jahrelange Gastronomieerfahrung kommt ihm hierbei zugute: Er kennt zahlreiche regionale Produzenten, denen er vertrauen kann. 

Inmitten des lebendigen Museumsquartiers gelegen, umgeben von Ämtern und Büros, ist es gerade auch der Mittagstisch, der Attila Corbaci am Herzen liegt. Und wenn es “aus ist, ist es aus”, meint der Gastronom. Das heißt, es kann sein, dass eine Speise, die zu Mittag angeboten wurde, am Abend ausverkauft ist. Dies zeugt nur von der frischen und flexiblen Küche. Und spätabends, wenn nur mehr wenige Gäste bei einem Gläschen Wein zusammensitzen, dann schafft es Corbaci, ein Gefühl des Sich-Wohlfühlens zu vermitteln: Dann gilt die Devise “Weniger ist mehr” und es wird Käse, den der Gastronom eigens aus Vorarlberg einkauft, mit einem Chutney der Saison serviert. Wichtig, so Attila Corbaci, sei es, ehrlich und authentisch zu sein, ein eigenständiges, unverwechselbares Konzept zu entwickeln und ab und zu seine Gäste zu überraschen! 

Wir wissen, mit Gastronomie kann man nicht reich werden, aber mit Gastronomie kann man Spaß haben. Aber das – ich bin jetzt 40 Jahre dabei – das kommt erst ganz zum Schluß. Das ist der Lohn der Arbeit. 

Und Corbaci weiß, wovon er spricht. Hinter dem Erfolg steckt jahrelange Erfahrung, wozu auch zählt, alles in seinem Metier kennengelernt zu haben. Attila Corbaci hat alles gemacht – vom Toilettenputzen bis zur Arbeit in der Küche. Dafür hat er aber auch ein unschätzbares Feeling für die Gastronomie gewonnen und das bringt er auch im Umgang mit den Menschen ein. Gerne setzt er, neben seinem engsten Kernteam, im Service auf junge Menschen, die ihn inspirieren, die sich durch die Arbeit im Lokal ihr Studium finanzieren. Und er ist ein sozialer Mensch: so ermöglichte er im Corbaci von Beginn an auch jenen Menschen eine Chance auf einen Job, die es am Arbeitsmarkt schwerer haben als andere. Er engagierte sich für einen Fußballverein für Asylwerber und als 2015 die Flüchtlingswelle ihren Höhepunkt erreichte, gehörte er zu den 140 Gastronomen, die die Hälfte ihres Umsatzes für die Menschen in Not spendeten.

Und Attila Corbaci ist ein Familienmensch. Wenn er von seiner Tochter, die eine Gastronomie- und Tourismusausbildung absolviert, oder von seinem Sohn, der mit seinem Jusstudium fertig wird, spricht, schwingt der Stolz und die Liebe eines Vaters mit. Von seinen Kindern, die viel zu schnell groß geworden sind, konnte er auch Vieles lernen, nämlich sich zu öffnen und Neues anzunehmen. 

Das “Engländer” war sein Gesellenstück, so Corbaci, und das “Corbaci” das Meisterstück. Irgendwann in den nächsten Jahren wird er sich zurückziehen und die Gastronomie in die Hände der Jugend legen. Die Kunst, so bereitet er gerade eine Fotoausstellung vor, wird ihn wohl immer begleiten. Und dann ist da noch das Projekt “Dobersbergerhof”, an dem er beteiligt ist und das sein Partner Thomas Voburka im Waldviertel führt – ein Haus aus den 1950er oder 1960er Jahren, das Voburka liebevoll hergerichtet und zu einem Gastronomiebetrieb mit Fremdenzimmern ausgebaut hat. Dort werden regionale Köstlichkeiten mit überraschenden Zutaten und frischen Kräutern geboten! (Steppe und Stadt wird sich einmal zu einem Besuch aufmachen!)

Schließlich philosophieren wir noch ein bisschen. Auch auf mein Projekt “Steppe und Stadt” bezogen, meinte Attila Corbaci, das wichtigste sei es, die Dinge “laufen zu lassen, einfach Spaß zu haben”. Der Weg sei das Ziel, so Corbaci. Dies habe er gelernt und dies versuche er, zu leben. Und er fügt seine eigene Metapher hinzu: wenn man einen Brief schreibe, dann könne man dies nur im besten Sinne tun, man solle schönes Papier und eine schöne Füllfeder verwenden, Worte einsetzen, die authentisch sind und der persönlichen Wahrheit entsprechen, dann könne man den Brief adressieren, mit einer Briefmarke versehen und aufgeben – und was dann passiert, das sollte nicht mehr die eigene Sorge sein. Man solle sich nicht fragen: Kommt der Brief an? Was wird der Adressat denken? Man habe sein Bestes getan, dies sei der Weg. 

Einige Tage später erzähle ich meinem Mann während unseres Wellnessurlaubs im Südburgenland von Corbacis Metapher und wir finden, dass sehr viel Wahres darin enthalten ist. Lebenserfahrung, Gelassenheit und die Liebe zum eigenen Tun schwingen mit – das ist es, was Attila Corbaci ausmacht. 

 

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