Martina Zwölfer – Kunst zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne

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Von der Künstlerin Martina Zwölfer, die mit Glas, Porzellan und Keramik arbeitet, habe ich schon in meinem letzten Artikel berichtet, in dem ich über die außergewöhnliche Glasvase, ein Geschenk einer besonderen Freundin, erzählt habe.

Ende April hatte ich die Chance, Martina Zwölfer persönlich bei einem angenehmen Gespräch, in ihrem Atelier in der Wiener Seestadt kennenzulernen. Ich hatte sie ja kurz bei der Keramik & Porzellan-Ausstellung im Augarten getroffen, doch nun konnte ich in aller Ruhe mit ihr über ihren Werdegang, ihre Arbeit und ihre Ansichten plaudern.

Und es war mein erster Ausflug in die Wiener Seestadt! Dort, in der Maria-Tusch-Straße, betreibt Martina Zwölfer seit wenigen Jahren ihr neues Atelier, ein Ort, der gleichzeitig auch ihre Wohnung beherbergt. 

Über den Hannah-Arendt-Platz gelangt man in die Maria-Tusch-Straße. Eine Straße, die nach einer der ersten weiblichen Abgeordneten der Ersten Republik und auch einer Engagierten in Frauenfragen benannt ist. Wie passend, dachte ich, so viele Plätze und Straßen, die engagierten Frauen gewidmet sind, denn auch Martina Zwölfer ist eine, die sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinander- und sich für Frauenthemen einsetzt.

Im rückwärtigen Teil des Ateliers befindet sich, wie gesagt, die Wohnung. Dort nahmen wir für das Interview Platz. Diese Kombination war ausschlaggebend für die Künstlerin, sich hier niederzulassen, da sie dieses Modell (die Verbindung von Wohn- und Arbeitsort) aus Asien kennt. 

Asien, vor allem Japan und China, haben Martina Zwölfer in ihrem Tun sehr geprägt. Doch wie kam es zu diesem Interesse, wie fand sie den Weg zur Kunst?

Schon als Kind war die Faszination für das Zeichnen gegeben. Mit 16 Jahren schaffte sie es, gegen anfängliche Widerstände der Eltern, das Gymnasium zu verlassen und die Kunstschule in Linz zu besuchen. Zunächst dachte sie an Malerei oder Architektur, doch durch das Schnuppern in Werkstätten, kam sie mit der Keramik in Verbindung, eine Begegnung, die maßgeblich sein sollte. 

Durch ihren Professor, Günter Praschak, lernte sie die Asiatische Keramikkunst kennen, da Praschak viel über diese, zum Beispiel über japanische Teekeramik, vortrug. Damit war der Grundstock für eine Leidenschaft gelegt worden, die Martina Zwölfer bis heute begleitet. 

Sehr früh begann sich Martina Zwölfer auch für Buddhismus zu interessieren, bereits mit 18 Jahren besuchte sie Zen-buddhistische Seminare beim damaligen Präsidenten der Buddhistischen Gemeinschaft Österreichs, Fritz Hungerleider. 

Sie richtete ihr eigenes Atelier in Linz ein und erhielt 1979 ein Stipendium nach Amsterdam, wo sie besonders die Gruppe De Stijl, vergleichbar mit der Schule des Bauhauses, inspirierte. De Stijl regte ihre Liebe zur Geometrie an, die aber nur einen Aspekt ihres Werks ausmacht. 

Es folgten ein Lehrauftrag in Linz und ein Aufenthalt in Kalifornien. Nach einer Zeit in San Francisco reiste Martina Zwölfer nach Bali und mit dem Rucksack durch Asien, wo sie zahlreiche buddhistische Stätten und Stätten der Keramik besuchte.

1989 brachte sie ein weiteres Stipendium nach Japan, wo sie japanische Techniken studieren konnte. Die japanische Tischkultur ist von Gegensätzen geprägt: so findet man auf der einen Seite zartes, fein bemaltes Porzellan und auf der anderen zum Beispiel grob strukturierte Platten aus dunklem Steinzeug. Einerseits Genauigkeit in der Arbeit, andererseits aber auch das Unperfekte sind es, das Martina Zwölfer reizt, denn das Perfekte würde dem Menschen konträr gegenüberstehen, würde ihn abschrecken. 

Erst in jüngerer Zeit verbrachte Martina Zwölfer Zeit in China, vor allem in der Porzellanstadt Jingdezhen. Es war eine sehr bereichernde Zeit, brachte aber auch wieder viele neue Erfahrungen mit sich, die sich von Japan unterschieden. Zunächst vermisste sie die Genauigkeit in der Arbeit, die sie von Japan her gewohnt war, was sie in der Produktion ihrer Werke anfangs vor Herausforderungen stellte. Mit einem geeigneten Übersetzer ließ sich alles viel besser bewerkstelligen. Es entstanden zum Beispiel die Blumenschalen, wunderbar zarte, weiße Schalen, die am Boden eine Blumenform aufweisen. Viele Kunstwerke ließen sich in China in einer Art und Weise herstellen, wie man sie in Europa nicht produzieren könnte. Das Ausgangsmaterial, das Kaolin, ist ein anderes, außerdem wird bei viel höheren Temperaturen gebrannt, was die Herstellung von weißem, beinahe transparentem Porzellan ermöglicht. 

Martina Zwölfer befindet sich in einem Dialog zwischen Ost und West. Aus dem Osten kommen die Liebe zur Schlichtheit der Formen, Glasurtechniken, die in ihren Werken einen Widerhall finden, oder Details, die in Martina Zwölfers Keramiken zu finden sind: So mag sie keine Schalen oder Becher mit Henkel oder bevorzugt seitliche Griffe für ihre Kannen. Martina Zwölfer hat auch eine eigene Teekanne kreiert, die Ästhetik mit Funktionalität auf angenehme Weise verbindet und als liebevolles Detail eine Halterung für einen Teebeutel aufweist. 

Auf der anderen Seite sind es geometrische Formen, die Schulen und Künstlern des Westens entspringen, die Martina Zwölfers Werk ausmachen. Eine Niederländerin hat sie ursprünglich zur Form jener Vase inspiriert, über die ich letztens geschrieben habe. Martina Zwölfer hat aus einer Idee, die sie bei jener Künstlerin sah, ihre eigene Form weiterentwickelt, die dann schließlich in einem verdrehten Oval mündete, das Ausgangspunkt zahlreicher Arbeiten ist. 

Zu den westlichen Einflüssen ist vielleicht auch ihre Liebe zur modernen Technik zu zählen. So ist Martina Zwölfer begeistert von der Idee des 3D-Zeichnens und vom Einsatz modernster Computertechnologien. Ihr zukünftiger Traum ist die Anschaffung eines passenden 3D-Druckers. 

Martina Zwölfer ist eine sehr vielseitige Künstlerin und darüber hinaus eine Frau, die viel reflektiert und sich Gedanken über aktuelle Entwicklungen macht. Sie ist eine, die hinschaut, wo andere vielleicht wegschauen und, wie sie selbst von sich schreibt, beschäftigt sie sich seit langem mit “alternativen Lebensformen und gesellschaftlichen Utopien”. Offen dafür zu sein, andere Wege, als die, die wir vielleicht gewohnt sind, zu gehen, ist eine Eigenschaft, die auch fähig für den Dialog zwischen den Kulturen macht. Offen sein, bedeutet für den Künstler oder die Künstlerin auch, sich mit neuen Lebensmodellen zu beschäftigen, neue Modelle, die vielleicht sogar wieder Anleihe an alten Weisheiten nehmen. So fand ich es daher auch spannend, dass sich Martina Zwölfer vor allem in ihrer Zeit in den USA mit Alternativarchitektur beschäftigte: Sie lernte zum Beispiel das Werk Nader Khalilis kennen, der Häuser aus Erde baute, deren Grundlage auch auf sein Studium alter Traditionen in seinem Heimatland Iran zurückgingen, und nachdem heute das California Institute of Earth Architecture benannt ist. Auch Paolo Soleri, der die Experimentalstadt Arcosanti in Arizona schuf und die Idee der Verbindung von Architektur und Ökologie vertrat, faszinierte Martina Zwölfer.

Und so plauderten wir schließlich nicht nur über Kunst, sondern über den Iran, der Herkunft eben jenes Khalilis, aber eben auch jener meines Mannes, über Frauenthemen, politisches Weltgeschehen und österreichische Zeitgeschichte. Und ich werde sicher nicht das letzte Mal in der Seestadt gewesen sein, denn ich werde mir sicher in der Zukunft eine Keramikarbeit als Fotorequisite zulegen und ich denke auch daran, dass wir vielleicht einmal einen Ausflug ins Waldviertel, nach Weitra, unternehmen werden, wo Martina Zwölfer ihre Werkstätte betreibt. Es war nun schon eine Begegnung, die mich bereichert, inspiriert und in vielerlei Denken zu einer Gleichgesinnten geführt hat. 

 

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