Heinz Lentsch: Ein Geruch, der an die Kindheit erinnert

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Majoran, ein Kraut, das vor allem im mediterranen Raum und im Nahen Osten angebaut und dort auch in den Küchen verwendet wird, wurde interessanterweise gerade auch in Neusiedl am See angebaut. Das milde, pannonische Klima ermöglichte den Anbau dieser aromatischen Pflanze. Neusiedl am See galt von den 1930er bis in die 1960er Jahre als Zentrum des Majorananbaus. Neben Salat und Paradeisern (Tomaten) war es der Majoran, der so charakteristisch für die sogenannten “Neusiedler Hausgärten” war. 

Der Majoran führte mich auch zu meinem Interviewpartner Heinz Lentsch. Über einen lieben Gartennachbarn erfuhr ich, dass von einer Gruppe engagierter und an alten Traditionen interessierten Neusiedlern und Neusiedlerinnen seit einigen Jahren wieder der Majorananbau gepflegt wird. Heinz Lentsch ist einer dieser Menschen.  

Vielen Neusiedlern ist Heinz Lentsch vor allem als Lehrer und zuletzt als Direktor der Klostervolksschule bekannt. Der 1950 hier geborene Heinz Lentsch, der selbst die ersten Jahre seines Lebens, da der Vater Schulwart war, in der Hauptschule wohnend verbrachte, war aber auch Fußballtrainer und Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes. Man kann zurecht sagen, dass er ein sehr vielseitig interessierter Bürger der Stadt ist. 

Ich treffe Heinz Lentsch im Weinwerk, der wunderschönen Vinothek in einem alten, renovierten Bürgerhaus auf der Oberen Hauptstraße in Neusiedl am See. Es ist dies ein Ort, an den ich immer wieder gerne komme, um einen edlen Tropfen oder regionale Schmankerl zu kaufen. Das Weinwerk ist aber auch Sitz des Kulturvereins “Impulse” und Austragungsort zahlreicher Kulturveranstaltungen. 

Wir nehmen an einem gemütlichen Tisch im modernen Ambiente des Weinwerk Platz und schon bald merke ich, dass Heinz Lentsch wirklich im Mittelpunkt des Stadtlebens steht. Er kennt fast jeden, der hier ein- und ausgeht, und findet auch stets ein nettes Wort zur Kommunikation. 

Jetzt, wo er in Pension ist, da sei die Gartenarbeit zur Leidenschaft geworden, berichtet mir Heinz Lentsch. Dies sei anders gewesen, als er ein Kind war, denn da mochte er die Gartenarbeit nicht so sehr, da diese immer in die Ferienzeit viel, wenn es auch oft unerträglich heiß war. 

Die Neusiedler Hausgärten dienten vielen Menschen als Zusatzeinkunftsquelle, so auch der Familie Lentsch. Die Gartenarbeit war immer Teil des Lebens:

Wir haben auch vom Garten gelebt. Entweder hatten meine Eltern einen Garten gepachtet oder einen zur Hälfte, je nachdem, wie es ausgemacht war. Jedenfalls hatte man immer einen Garten. So war das sogenannte “Salatgeld” oder “Paradeisergeld” da, wovon wir als Kinder zum Beispiel einen Plastikball erhalten haben. Bis in die 1960er Jahre gab es Majoran, der sehr teuer gehandelt wurde. Das Kilo hat 80 bis 90 Schilling gekostet. Das heißt, wir hatten immer eine Zusatzeinkunft durch den Garten. Fast jeder in Neusiedl hatte einen Garten. 

In den 1930er Jahren, so Heinz Lentsch, wurde die Neusiedler Gemüsegenossenschaft eigens wegen des Majorans gegründet. Im Krieg, als es für Frankreich, ebenso ein Herkunftsland für Majoran, nicht möglich war, nach Deutschland bzw. nach Österreich zu exportieren, da stieg die Produktion des Neusiedler Majorans noch einmal weiter an. Bis in die 1960er Jahre galt Neusiedl am See, wie eingangs erwähnt, als Zentrum des Majorananbaus, danach ging dieser Sektor der Landwirtschaft bzw. des Nebenerwerbs zurück, was Heinz Lentsch vor allem auf den Zeitfaktor zurückführt. Der Majorananbau ist sehr zeitintensiv, was bedeutet, dass man für eine erfolgreiche Ernte fast jeden Tag im Garten arbeiten muss. Die Frauen, die sich vor allem dem Majorananbau annahmen, wurden zunehmend berufstätig und die Zeit wurde knapper. Hinzu kam die Tatsache, dass man im Seewinkel früher als in Neusiedl am See Folientunnel verwendete, was eine effektivere Arbeitsweise ermöglichte. 

 

Zur Zeit des Majorananbaus waren es vor allem die Parndorfer Frauen, die als Händlerinnen den Majoran kauften und an Fleischhauer weiter vertrieben. 

Eines Tages, so Heinz Lentsch, saß man in einer geselligen Runde von Freunden zusammen und plauderte mit Paul Haider, der damals einer der Letzten war, die Majoran anbauten. Er meinte, er würde auch bald damit aufhören, denn er wäre nicht mehr der Jüngste. So kamen die anderen darauf, Kindheitserinnerungen auszutauschen. Man erinnerte sich zurück, wie es war, als ganz Neusiedl nach Majoran roch. Es ist ein Geruch, der an die Kindheit erinnert, meinte Heinz Lentsch. Am Neusiedler Goldberg duftete zur Erntezeit alles herrlich nach Majoran, da dieser außerhalb der Häuser, am Gehsteig, gerebelt und “gereitert” wurde. 

Man kam schließlich auf die Idee, dass Paul Haider den anderen zeigen sollte, wie der Majorananbau funktioniere. Das tat er auch und nun wird seit sieben Jahren wieder mit großer Begeisterung Majoran auf einem Feld in den Neusiedler Hausgärten angebaut – und: immer wieder hört man auch von jüngeren Personen, dass sie sich dieser alten Tradition annehmen. In Klingenbach ist es übrigens Johannes Pinterits, der professionell nicht nur Majoran, sondern auch pannonischen Safran und pannonischen Fenchel kultiviert. 

Nach wie vor wird die Majoranernte im Hause Herrn Haiders verarbeitet. Auch wenn es eine heiße und staubige Arbeit ist, so ist die Gruppe rund um Heinz Lentsch mit Leidenschaft bei der Sache. Der getrocknete Majoran wird manchmal an die ortsansässige Hotellerie abgegeben bzw. erfreut sich schon seines eigenen Abnehmerkreises. (In den Bildern unten sieht man Szenen von der Majoranernte.)

 

Heinz Lentsch sieht es als positiv an, dass das Interesse für derartige, alte Traditionen wieder zunimmt. Im Zuge der Tendenz, dass viele Großstädter nicht nur an Urban Gardening, sondern auch daran interessiert sind, irgendwo ein Stückchen Land zu pflegen und zu bewirtschaften, besteht eine neue Sensibilität für die alte Gartenkultur. Es ist die Freude, selbst etwas anzubauen und zu ernten, die einen antreibt!   

Am Ende des Interviews besuchen wir noch das Majoranfeld in den Neusiedler Hausgärten, wo wir auch den wunderschön gepflegten Salatgarten eines Gartennachbarn bestaunen dürfen und eben die Majoranpflänzchen begutachten! 

Für das Bildmaterial, den Majorananbau und die Majoranernte betreffend, möchte ich mich herzlich bei meinem Gartennachbarn Albert Mehsam bedanken!

 

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