Judith Beck – Winzerin mit dem Blick auf das Neue

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Wieder nütze ich einen Freitag Nachmittag, um ein Interview zu machen. Mein Weg führt mich dieses Mal nach Gols, die Weinbaugemeinde Österreichs schlechthin. Die Adresse lautet „In den Reben 1“ – es ist das Weingut Judith Becks, einer jungen Winzerin, deren Namen nicht nur in Österreich, sondern auch in der internationalen Weinszene ein Begriff ist.
Judith Beck war schon im Vorfeld des Interviews sehr offen und unkompliziert, aber auch sehr zielstrebig an diesen Termin herangegangen. Ich denke, man muss konsequent seine Termine einteilen und ein großes Organisationstalent besitzen, um diesen Job, wenn man auch Zeit für die Familie haben möchte, so gut zu meistern. Immerhin haben Judith Beck und ihr Lebensgefährte, der ebenso im Familienbetrieb arbeitet, zwei Kinder.

Dass sie einmal den elterlichen Betrieb übernehmen wird, das war für Judith Beck noch unmittelbar nach ihrem Schulabschluss nicht klar. Die drei Geschwister hatten nie so intensiv im Betrieb mitarbeiten müssen, nur in den Sommerferien bestand die Möglichkeit, sich ein bisschen Geld durch die Arbeit im Weinbau dazuzuverdienen.
Als sie nach der Matura nicht so genau wusste, in welche Richtung sie sich beruflich entwickeln sollte, schlug ihr ihre Mutter vor, die Weinbauschule in Klosterneuburg zu besuchen. Judith Beck wollte jedoch studieren, daher absolvierte sie eine Zeit lang beide Ausbildungswege parallel. Doch schnell war klar: die Begeisterung für den Weinbau hatte sie nun voll ergriffen und Judith Beck fand ihren für sie so befriedigenden Weg.
Seit Ende 2004 führt die junge Winzerin den Betrieb selbstständig unter ihrem Label, dennoch ist es ein Familienbetrieb, in dem Eltern und Lebensgefährte mitarbeiten. Als sie den Betrieb übernahm, entstand auch das moderne Gebäude in den Weingärten, da das Haus der Eltern keine Erweiterungsmöglichkeit bot.

Seit jeher war es Judith Becks Wunsch, den Blick über die Region, über die Grenzen Österreichs hinaus zu richten. Schon während ihrer Ausbildung genoss sie Auslandspraktika, besonders prägend war der Aufenthalt auf Cos d´Estournel im Bordeaux. Dort nahm man sich viel Zeit für ihre Fragen, was es ihr ermöglichte, viel zu lernen. Es war eine intensiv erlebte Zeit, auch wenn sie heute nach anderen Methoden arbeitet. Das ist es auch, was Judith Beck ausmacht: sie möchte nicht stehen bleiben. Sie ist offen für Neues, für Inspirationen und Impulse und die kritische Betrachtung des eigenen Tuns.

Das finde ich wichtig, weil ich versuche, mich ständig weiterzuentwickeln. Es soll keinen Stillstand geben. Ich glaube auch nicht, dass man irgendwann sagt: „Ja, jetzt habe ich `mein Ding` gefunden und das mache ich jetzt die nächsten 20 Jahre.“ Das wäre mir auch zu langweilig. Ich versuche auch heute noch, zumindest einmal im Jahr kurz zu verreisen, in andere Regionen zu fahren, denn das gibt wahnsinnig viel Inspiration. Ich glaube, man kann ohnehin niemals etwas abkupfern oder abschauen oder 1:1 umsetzen. Das funktioniert nicht, weil man völlig andere Voraussetzungen hat und auch seine eigene Persönlichkeit einbringt. Von daher können es immer nur Inspirationen oder Impulse sein, die man erhält. Aber ich finde es wichtig, immer wieder über den Tellerrand zu sehen und hinauszugehen und sich etwas völlig anderes anzusehen, denn sonst besteht die Gefahr, dass man eine gewisse Betriebsblindheit entwickelt, dass man zum Stillstand kommt und sich nicht mehr weiterentwickelt.

Das Interesse am Neuen und die Freude am Reisen haben auch dazu beigetragen, dass Judith Beck, stärker als andere Winzer vielleicht, in den Export geht. Rund 40 % ihres Weins wird exportiert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem europäischen Markt, aber Judith Beck exportiert auch in die USA. Interessieren würde auch sie eine Erweiterung ihres Verkaufs Richtung Asien.
Der Betrieb fasst heute 15 ha, der Schwerpunkt liegt in der Rotweinproduktion, die 80 % ausmacht. Ein Charakteristikum des Betriebs ist die Ausrichtung auf den biodynamischen Weinbau. Bei der Umstellung vom konventionellen Betrieb zum biodynamischen betraf die größte Veränderung die Bodenbewirtschaftung. Die Böden sind nun alle begrünt, da sie sich dadurch wieder regenerieren und Humus aufbauen können.

Wenn man einmal in dieses Thema eintaucht, gibt es kein Zurück mehr. Es ist, als würde man einen Schalter umlegen. Selbst wenn es in einem Jahr Probleme gibt oder wenn es schwierig ist, würde ich mir dennoch nie denken, wieder so wie früher zu arbeiten. Das ist einfach undenkbar. Und je länger wir dabei sind, umso mehr sehe ich, dass man im Bio-Weinbau nicht mehr Probleme hat als im konventionellen. Es ist einfach eine Frage der Erfahrung und des Fingerspitzengefühls. Das bedeutet: Wie genau sieht man hin und wie aufmerksam ist man. Wenn man das im Griff hat, ist es eine wunderschöne Art und Weise der Landwirtschaft.

Für den Pflanzenschutz stehen im Bio-Weinbau Kupfer und Schwefel zur Verfügung, wie auch in anderen biolandwirtschaftlichen Bereichen. In der biodynamischen Landwirtschaft kommen noch Präparate hinzu. So wird zum Beispiel Kräutertee in großen Mengen, bis zu 400 Liter, gekocht und damit gespritzt. Dies hat die Funktion einer pflanzenstärkenden und vorbeugenden Maßnahme.
Alles, was in Judith Becks Betrieb selbst bewirtschaftet wird, kann als biodynamisch bezeichnet werden. Jene Trauben, die zugekauft werden, stammen aus bioorganischem Anbau.

Ich frage Judith Beck, welche Tätigkeit im Weinbau oder im Weinbetrieb ihr am besten gefällt. Sie meint, das sei der Rebschnitt, weil dieser zu einer Zeit passiert, im Winter, wenn absolute Ruhe in der Natur herrscht.

Das ist eine wunderschöne Arbeit, weil man bei jedem Stock eine neue Situation vorfindet und man sich auch auf jeden Stock neu einstellen muss.

Judith Beck ist Mitglied einiger sehr engagierter Winzervereinigungen. Dazu gehören zum Beispiel die „Pannobile“-Winzer, eine Vereinigung, die seit 1994 besteht und zu deren Gründungsmitgliedern schon Judith Becks Vater zählte. Inhalt der Vereinigung ist es, die Weine der Region zu präsentieren. 

Bei einem anderen Winzerverein mit dem Namen „Respekt“ geht es um Fragen und Ziele des biodynamischen Weinbaus, um ökologische Verantwortung und nachhaltige Bewirtschaftung.
Die Vereinigung „11 Frauen und ihre Weine“ hatte es sich ursprünglich zum Ziel gesetzt, die Rolle der Frau in der männerdominierten Weinwelt zu festigen. Dieses Ziel wurde erreicht – es ist heute nicht mehr ungewöhnlich, dass Frauen Wein produzieren und erfolgreiche Weinbetriebe leiten. Judith Beck meint, für sie als Mutter würde diese Gruppe auch die Möglichkeit bieten, sich über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auszutauschen. In Zeiten einer Rosi Schuster oder einer Heidi Schröck, beides erfolgreiche Winzerinnen, hätte die Weinwelt noch hauptsächlich aus Männern bestanden. Als Judith Beck in das Weingeschäft einstieg, war dies schon anders. Sie hatte nie ein Problem damit, sich nicht akzeptiert zu fühlen. Nicht nur akzeptiert, sondern auch sehr erfolgreich ist die Winzerin mit dem Blick auf das Neue heute auch weit über Österreichs Grenzen hinweg. Für mich war es schön, diese Frau mit dem berühmten Namen, die doch so bodenständig und bescheiden ist, persönlich kennenzulernen und ihre Sichtweisen zu erfahren.

 

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