Weingut Rittsteuer: Aus Tradition und Erfolg heraus zu neuen Zielen

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Es ist ein kühler Montagabend, an dem ich, mit meiner Kamera im Gepäck, nach der Arbeit in meiner Heimatgemeinde Neusiedl am See ankomme, um neuerlich ein Winzerinterview zu führen. Und wiederum darf ich die Familie einer lieben Freundin befragen. Natürlich, wenn man in Neusiedl aufgewachsen ist, dann kennt man die einheimischen Winzer und für mich ist es irgendwie naheliegend, mein Projekt mit Interviews mit den Vätern meiner Freundinnen zu beginnen. Und ich darf gleich im „Doppelpack“ interviewen: Vater und Sohn.

Die Person Paul Rittsteuer und die Weingeschichte des Burgenlands sind eng miteinander verbunden. Neben Jahren, in denen er sich auf politischer Ebene mit Agrarfragen beschäftigte, war es immer auch der Familienbetrieb, die Arbeit in den Weingärten, in der Natur, die ihm als Kraftquelle diente. Paul Rittsteuer hat an der Gründung der Weinakademie maßgeblich mitgewirkt und ist unter anderem Präsident der Renommierten Weingüter Burgenland.

An jenem Montagabend nehmen wir im Verkostungsraum der Rittsteuers Platz, genießen ein Glas „Grüner Veltliner Alte Reben“ und ich frage Paul Rittsteuer nach jenem Datum 1642, das ich in der Beschreibung seines Weinguts als das Gründerdatum gelesen habe. Man habe Ahnenforschung betrieben, so Paul Rittsteuer, und den Namen Rittsteuer erstmals im Jahr 1574 gefunden, damals als einen Bäckermeister. Ab 1642 sei dann der Beruf „Landwirt, Bauer“ im Zusammenhang mit dem Familiennamen erwähnt worden.

Und nun ist es bereits die nächste Generation, die sich wiederum für die Fortsetzung der Familientradition interessiert – Paul Rittsteuer junior, der gerade sein Studium der Agrarwissenschaften an der BOKU abschließt, wird den Betrieb übernehmen. Schon als Jugendlicher hat er sich mit der Materie des Weinbaus auseinandergesetzt, denn neben 5 Jahren Handelsakademie absolvierte er eine 4-jährige Ausbildung im Bereich Weinbau und Kellertechnik an der landwirtschaftlichen Fachschule in Eisenstadt. Was während vieler Jahre eine Ferienbeschäftigung war, wird nun auch zum Beruf:

Ich arbeite schon mit, seit ich denken kann. Es war immer so, dass ich in den Ferien oder am Wochenende mitgearbeitet habe. In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass ich den Betrieb weiterführen werde. Und daher bin ich in letzter Zeit hierbei natürlich viel aktiver und bin auch bei Messen, im Vertrieb, im Weingarten und im Keller in die Arbeiten eingebunden. 

Das Weingut Rittsteuer wird zur Zeit als 9 ha großer Betrieb geführt. Das Verhältnis von Rot- zu Weißweinen beträgt 45:55, das heißt, es liegt ein leichter Schwerpunkt in der Weißweinproduktion.

Bei der Ausrichtung der Weine verfolgt man bewusst nicht die leichte, ganz fruchtige Welle, sondern legt den Schwerpunkt in eine Nachhaltigkeit des Geschmacks. Paul Rittsteuer hat dabei eine sehr genaue Vorstellung, wie der Anspruch an seine Weine aussehen soll:

Für uns zählt die physiologische Reife der Trauben. Nicht der Zuckergrad, sondern das Kosten, das heißt, wenn die Traubenkerne braun sind – das nennt man vermehrungsfähig – haben sie die physiologische Reife erreicht und zu diesem Zeitpunkt wird gelesen. Wir sind nicht der Meinung, dass wir einen Welschriesling mit 16 Grad lesen, sodass man den steirischen Welschriesling nachahmen kann, sondern nehmen in Kauf, dass dieser 12 oder 12,5 Vol. % Alkohol hat, aber der Wein muss das widerspiegeln, was wir uns vorstellen. Dasselbe gilt für den Grünen Veltliner, der 13 Vol. % Alkohol hat und dasselbe auch für unsere Burgunderlinie. Meine Vorliebe gilt den Burgundersorten, die bei uns am Neusiedler See seit Jahrhunderten beheimatet sind.

Es war der Orden der Zisterzienser, der die Burgundersorten an den Neusiedler See brachte, weiß der auch geschichtsinteressierte Paul Rittsteuer zu erzählen:

Die Zisterzienser haben sich, wie in anderen Gegenden auch, sehr viele Verdienste für die Verbreitung des Weinbaus erworben. Sie haben eben auch die Burgunderrebe zu uns gebracht – in die Region des Neusiedler Sees, unter anderem Namen, unter Klevner, Morillon, wie sie heute noch in der Steiermark genannt wird, Chardonnay, Grauburgunder… Das heißt, der Burgunder war bei uns immer beheimatet. Und er passt auch um den See herum sehr gut, wenngleich er am Markt, der Weißburgunder besonders, unter seinem Wert gehandelt wird. Er ist keine Sorte, die bouquetreich ist, die frisch wie der Sauvignon Blanc ist, sondern braucht seine Zeit zum Ausbau, und dann erhält er seine schönen Nuss- und Haselnussaromen, ist vollmundig am Gaumen. Was auch eine unserer Vorlieben ist – dabei handelt es sich um eine sehr diffizile Sache – das ist der Weißwein, der in Barrique ausgebaut ist. Das bedeutet immer eine besondere Herausforderung für den Winzer, denn die Kunst des Winzers besteht darin, eine Ausgewogenheit der Aromen zwischen Holzeinsatz und Beerenaromen zustande zu bringen. Das muss harmonisch sein. Die Vielfalt der Aromen muss zu etwas Harmonischem gebunden sein.

Diese Weine, so der Winzer, stellen vor allem in Ostösterreich eher ein Minderheitenprogramm dar, da hier eher die frisch-fruchtige Linie dominiert. International gesehen, zum Beispiel mit Frankreich oder der Schweiz verglichen, sind es aber jene Weine, auf die ein besonderes Augenmerk gelegt wird.

Einer dieser Weine ist der Chardonnay Lehmgruber, der, international verglichen, mit den berühmten Montrachets mithalten kann. Es ist schön, zuzuhören, wenn Paul Rittsteuer von seinen Weinen und seinen Erfahrungen spricht, die er auf internationalen Weinreisen gewonnen hat. Enthusiasmus und die Liebe zu seinem delikaten Handwerk schwingen dann mit. Und so weiß er auch, Vergleiche zwischen den Weinen seiner Region und seines eigenen Weinguts und Weinen auf internationaler Ebene herzustellen. Die Montrachets zählen zu den edelsten und auch teuersten Weinen der Welt. Es ist die Chardonnay-Traube, aus der diese Weine aus dem französischen Burgund erzeugt werden.
Der burgenländische „Verwandte“ dieser Weine, der Chardonnay Lehmgruber, ist – das freut mich als Weintrinkerin – weitaus günstiger, aber in der Qualität und dem Geschmack kann er hier mithalten – ein besonderer Wein, den ich an anderer Stelle zusammen mit einem Safran-Shrimps-Risotto vorstelle.

Ich frage schließlich noch Paul Rittsteuer jun., was seine persönlichen Ziele für die Zukunft des Familienbetriebs sind. Er meint, dass es ihm wichtig sei, noch mehr, als dies schon geschieht, die Vermarktung anzukurbeln und dass er den Betrieb etwas vergrößern wolle, auf 14-15 ha. Sein Vater wirft ein, dass die Kenntnis von Fremdsprachen heute unerlässlich sei und dass sein Sohn von seinen guten Sprachkenntnissen profitieren werde. So könne man sich auch auf neue Märkte wagen, eine Öffnung Richtung Asien ist angedacht.

Ich glaube, dass Paul Rittsteuer jun. die besten Voraussetzungen dafür hat, die Erfolgsgeschichte seines Vaters fortzusetzen und neue Ideen einzubringen und umzusetzen. Ich wünsche ihm viel Glück dabei!

Weinkeller Rittsteuer

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